Kollektiver Kassel-Kurztrip der Konzeptions-Crew

Unser Treibhaus-Wochenende in Kassel war voller spannender Eindrücke mit Kunst und Kultur im realen und digitalen Raum, tierischen Begegnungen, Dingen, die Geschichten erzählen. Ach, und da ist noch diese eine Sache, an der man bei dieser documenta ja nicht vorbeikommt.


DOCUMENTA 15


Unendliche Aufregung und negative Energie – im Vorfeld der documenta 15 wurde alles durch den Antisemitismus-Eklat überschattet. Die klassischen und Online-Medien schienen (und scheinen) sich für fast keine andere Facette von einer der bedeutendsten Ausstellung zeitgenössischer Kunst weltweit zu interessieren. Umso mehr war die Spannung groß, wie sich dieser Vorfall auf die Stimmung vor Ort auswirkt. Alles berechtigt oder „Bitte die Kirche im Dorf lassen“? Eine Antwort? Die habe ich auch hier nicht! Denn den Antisemitismus Fall kann man stundenlang diskutieren und das wahrscheinlich, ohne eine endgültige Antwort zu finden. Außerdem ist dieser Blogartikel auch nicht die richtige Plattform dies zu diskutieren – nur reden und das sachlich, das sollte man darüber! Konzentrieren wir uns also lieber auf all die positiven Eindrücke, die wir aus Kassel mitgenommen haben – all die Dinge, über die es auch lohnt zu sprechen.

Denn eigentlich ist die fünfzehnte Ausgabe der Weltausstellung etwas ganz Besonderes und Schönes.

Zum ersten Mal steht nicht der einzelne Künstler, sondern die Künstlergemeinschaft in Form von Kollektiven im Fokus. Ein besonderer Ansatz, den das kuratierende Kollektiv „ruangrupa“ (übersetzt „Kunstraum“ oder „Raumform“) der Ausstellung zu Grunde gelegt hat. Die Künstler*innen aus Jakarta, Indonesien, bezeichnen dies als „Lumbung“ – ein in ländlichen Regionen Indonesiens kollektiv genutztes Gebäude, in dem die Ernte einer Gemeinde als gemeinsame Ressource gelagert und nach gemeinsam vereinbarten Kriterien verteilt wird.


Freitag


Zunächst ging es ab in die heiligen Hallen des Fridericianums, durch die uns Kunstvermittlerin Adriana mit ganz viel positiver Energie und Leidenschaft geführt hat. Vom nongkrong (Indonesisch für „gemeinsam abhängen“) in der Sekolah Temujalar (Temujalar-Schule), bis hin zur unerzählten Vergangenheit und sich neu entfaltenden Gegenwart von Sinti- und Roma-Künstler*innen, wurden wir mit zahlreichen Eindrücken und Informationen bereichert.


Anschließend begaben wir uns auf Entdeckungstour durch die Stadt. Und zu entdecken gab es viel: Zum Beispiel einen Ort, der mehr einer Müllhalde gleicht – und das in der sonst so schönen Karlsaue. Auf der Karlswiese, direkt vor der Orangerie, präsentiert das „The Nest Collective“ ihre Arbeit „Return to Sender“, die eine dystopische Mülllandschaft nachahmt und damit auf den Transport von Müll, Elektroschrott und Textilien in die Länder des Globalen Südens und deren Beitrag zur Zerstörung der Umwelt und Ökonomie aufmerksam machen soll.


Nicht dystopisch, dafür kulinarisch ein Highlight, war das Abendessen im NACHBAR. Bei Burger und Pommes wurden Eindrücke des Tages ausgetauscht und diskutiert, bevor es satt, erschöpft, aber glücklich zurück ins Hotel ging.


Samstag


Ab ins Hallenbad Ost! Was wie ein Ausflug ins Schwimmbad klingt, ist tatsächlich der Auftakt unserer Reise in die Wunderwelt documenta am Samstag. Dort präsentiert das indonesische Kollektiv Taring Padi großformatige Banner und Plakate, die sich mit der indonesischen Geschichte, Bildung und Agitation auseinandersetzen. Ach, und vor der Tür großartiges griechisches Essen und überteuerte Limo – 7,50 € für ein Glas und dann schmeckt die Plörre nicht mal wie edelster Schaumwein. Naja, aus Fehlern wird man klug!


Was kein Fehler war ist der Besuch im Hotel Hessenland. Auch hier täuscht der Name und anstatt eines gemütlichen Hotelbetts gab es nur eine ungemütliche, jedoch sanft beleuchtete Bodenskulptur im dunklen Raum. Aber das muss so! Die Soundinstallation des Kollektivs MADEYOULOOK aus Südafrika soll die Besucher akustisch weit wegtragen, jedoch gleichzeitig dazu anregen, zu überdenken, wie wir mit dem uns gegebenen Raum umgehen, wie dieser mit uns umgeht und letztendlich, wie wir die Welt bewohnen wollen.


Zurück am Friedrichsplatz: Wer dieses Jahr die Documenta Halle besucht, betritt diese durch eine Wellblechhütte, wie sie typisch für den Slum von Lunga Lunga in Nairobi ist. Dahinter taucht man in die Ausstellung des Wajukuu Art Project ein, die mit ihren Kunstwerken zur Veränderung der Gesellschaft aufrufen und ein besseres Mitspracherecht für alle einfordern.


Sonntag


Ein letztes bisschen documenta gab es dann Sonntagabend im Little Garden of Sounds, eine interaktive Soundinstallation und Chillout-Area zugleich. Dabei haben wir mit einer hygrosensitiven Angel „nach Sound gefischt“, uns in einer Schubkarre von Bässen eine Rückenmassage geben lassen, zu viert ein Schlagzeug gespielt und hatten wirklich sehr viel Spaß mit einer Installation, die jeglichen Sound in der Umgebung verzerrt. Ach, und Bier gab es auch!

UND SONST SO


Schön, dass du es bis hierhin geschafft hast. Als Belohnung gibt es einen Fun-Fact zwischendurch: Kassel ist die „Hauptstadt der Waschbären“! Die kleinen Fellknäule tummeln sich in der ganzen Stadt und so hatten einige von uns nach unserem Rundgang in der Kunsthochschule am Samstagabend noch eine tierische Begegnung.

„Welcome to the Metaverse!“

Am Samstagmorgen tauchten wir in die magische Welt von AltspaceVR ein. Zusammen mit Thomas Zorbach, Gründer und Inhaber von VM people, haben wir unter dem Motto „Das Metaverse: Ein realer Raum für Kunst?“ digitale Welten erkundet.

Ein Abstecher nach Berlin ins Berghain und nach Nevada zum Burning Man Festival in der Black Rock City war inklusive. Creepy und faszinierend zugleich war die Welt der russischen Zwillingsschwestern Elena und Ekaterina Popovy mit ihren perfekt unvollkommenen Puppen, die auf einzigartige Weise Elemente aus Fantasie, Mode und Fetisch miteinander verbinden. Eine Atmosphäre zwischen Horrorfilm und futuristischem Club, untermalt von Musik der kanadischen Musikproduzentin und Sängerin Grimes.


Ganz ohne Lern-App und Wörterbuch haben wir am Sonntag mit Jörg Kiefel, Professor für Szenografie an der Hochschule Detmold, eine neue Sprache gelernt – die Sprache der Dinge! Den ganzen Sonntag haben wir Dinge zum Sprechen gebracht, ihnen Eigenschaften zugewiesen, sie in Verbindung gesetzt und sie durch geschickte Inszenierung ihre Geschichte erzählen lassen.


Für eine abschließende Präsentation unserer Eindrücke und Erkenntnisse des documenta Wochenendes ging es dann Montagmorgen nochmal zurück in die VR Welt. Und dann war es schon vorbei, ein wirklich prall gefülltes Wochenende in Kassel.


Waschbär-High-Five und Tschö!