Zukünfte verhandeln in Linz. Ein Modul zwischen der Ars Electronica und dem Start der Abschlussarbeit.

Der Stadtlärm verstummt. Dielen knarzen, Dampfwolken steigen auf, und ich folge den Düften der Motte über den Dachboden des Ursulinenareals. Für einen Moment vergesse ich, dass ich ein Mensch bin.

Und DOCH ging es an der Ars Electronica 2026 genau darum. Unter dem Motto:
"Future begins: Negotiating Humanity"
fragte das Festival, wo wir Menschen eigentlich stehen: als Gegenüber der Maschine, als Teil eines Ökosystems, das wir kaum wahrnehmen, als Einzelne in einem Machtgefüge, das andere bestimmen. Tech, Natur und Gesellschaft: Diese drei Themen haben uns durch Linz begleitet.
Mit anderen Sinnen: Natur
Die Motte, der ich auf dem Dachboden folgte, stammt aus Olfactory Biome von Maki Ueda und der Civic Creative Base Tokyo. Der Raum verwandelt sich in einen nächtlichen Wald, in dem man als Motte oder Fledermaus durch anziehende und abstossende Düfte streift.
Noch näher kam ich den Nachtfaltern in Parallel World – Moth Color Vision von Adrien Lucca, Ali Aiman Raza, Colas Schretter und Marko Ilić. Ein Garten, dessen Licht sich immer wieder ins Blaue verschiebt: Das Blattwerk wird dunkel, die Blüten leuchten, so wie der Nachtfalter Deilephila elpenor sie sieht.
Das dritte Werk in dieser Reihe hat das Unsichtbare hörbar gemacht. Drumming for Love von Erze Dinarama übersetzt die Vibrationssignale von fünf Wasserinsektenarten aus dem italienischen Fluss Po in Klang. Diese Insekten zeigen an, wie gesund ein Fluss ist, und werden trotzdem kaum beachtet. Wissenschaftlich ist das stark gelöst, metaphorisch genauso: Wir nehmen kleinste Lebewesen nicht wahr, die für uns überlebenswichtig sind.

Das Unsichtbare hör- und greifbar zu machen, ist eine Stärke der Ars Electronica.
Das betont auch Sabine Mayer, Leiterin des Treibhauses, in unserem Podcast:
Mit sich selbst streiten: Tech
Bei Wicked Mirror – Debate yourself von Andreas Refsgaard und Sofie Burgos-Thorsen formuliert man seine Haltung zu einem gesellschaftlich debattierten Thema. Dann vertritt ein fotorealistischer KI-Klon mit dem eigenen Gesicht und der eigenen Stimme in Echtzeit die Gegenposition. Man diskutiert also mit dem überzeugendsten Gegenüber, das es gibt: sich selbst.
Ich habe zugeschaut, und schon das war intensiv. Die Art, wie sich die Menschen im Experiment öffneten, hat viel Intimität zugelassen. Weil ich mir parallel die gleiche Frage gestellt habe, habe ich mitdiskutiert, ganz ohne Klon.
Für mich ist das Werk wahnsinnig zeitgeistig. Oft trauen wir uns nicht mehr, eine eigene Meinung zu bilden. Wir schliessen uns öffentlichen Meinungen an und pochen darauf, bis hin zur Radikalisierung. Wicked Mirror verlangt beides: erst selbst Position beziehen und sie dann aus dem eigenen Mund in Frage gestellt hören.
Die neuen Kings: Gesellschaft
Im Symposium Tech-Bro-Topia. A Dystopian Shift of Politics, Economics and Culture? ging es um drei Perspektiven auf dieselbe Frage: Wessen Zukunft wird hier eigentlich gebaut?
Aya Jaff beschreibt mit Broligarchy eine neue Form von Oligarchie. Die Tech-Gründer von heute kontrollieren keine Rohstoffe oder Fabriken, sondern den Zugang zu Information, Aufmerksamkeit und Teilhabe. Technologie dient dabei weniger dazu, Probleme zu lösen, als dazu, Politik zu umgehen. Rainer Mühlhoff ging in The Tech-Elite and the new Fascism einen Schritt weiter. Technologie wurde als Instrument reflektiert, die Macht bei wenigen bündelt: über Daten, Infrastruktur und die Möglichkeit, Verhalten zu lenken. Darin sieht er eine gefährliche Nähe zu antidemokratischen, autoritären Ideen. Douglas Rushkoff schliesslich stellte in Team Tech or Team Human? die Frage, auf wessen Seite die Technologie eigentlich steht: auf der Seite der Menschen oder auf der Seite derer, die sie besitzen.
Drei Talks, eine ziemlich düstere Diagnose. Unbequem wird sie, weil wir selbst Teil davon sind: Wir kommunizieren, arbeiten und kreieren mit den Tools derer, deren Macht wir hinterfragen. Ich blieb mit der Frage zurück, wo wir da überhaupt anfangen sollen. Und dann kam dieser Satz von Rushkoff:
"The locus of power is the extent to which you can make eye contact with another person. As Spinoza said, the object of the game is to increase our capacity to affect and be affected by others."
Echte Verbindungen und Begegnungen machen mir Mut. Und genau das ist unser Feld im Treibhaus und als Designer*innen und Konzepter*innen: Live-Kommunikation. Das ist unser stärkstes Tool.
Zwischen den Installationen: Das Briefing
Zwischen den Installationen und Talks hat auch die letzte Phase der Weiterbildung begonnen: unsere Abschlussarbeit.
Viel verraten dürfen wir nicht. Nur so viel: Im Briefing-Call hat uns eine reale Kundin ihre Marke und ihre Aufgabe vorgestellt. Sie kommt aus dem Kultursektor, und der Case hat Potenzial, tatsächlich umgesetzt zu werden.
Direkt danach folgte der Kick-off im Team. Mein erstes Gefühl war grosse Neugier: auf die Zusammenarbeit, auf das gegenseitige Challengen und darauf, was im Prozess entsteht. Die Abschlussarbeit ist die Krönung dessen, was das Treibhaus möglich macht: in realen Kontexten experimentieren dürfen. Hier haben wir den Raum, alle Fragen zu stellen, auszuprobieren und auch mal danebenzuliegen. Die Neugier kommt dann ganz von selbst.
Jetzt, zurück in Zürich, geht die kreative Arbeit los. Unser Ziel ist ein Konzept, das Menschen zum richtigen Zeitpunkt wirklich berührt: to affect and be affected.


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